Où est Charlie?

26 01 2015

Charlie+Globe2

Es lohnt sich, nach dem Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo, die Hauptszene des Films nochmals anzuschauen, um uns in der gegenwärtigen Situation der Vorgeschichte anzunähern und dadurch manches zu relativieren: Als Europa mitten im selbstverschuldeten Krieg stand, traute sich ein einzelner Künstler eine Karikatur zu, die ihm nicht das Leben, aber ein Vermögen kostete. Charlie Chaplin ließ sich trotz erheblichem Gegenwind im finanzkräftigen Hollywood nicht beirren. Hier sind eindrucksvolle dokumentarische Bilder, die das bezeugen.

Warum dieser Hinweis?

Nun, man merkt den religiösen Kommentatoren ihre Hilflosigkeit an, auch dem von Christ in der Gegenwart: „Ich bin solidarisch mit den Opfern, besorgt um des christlichen Abendlandes Freiheit und Geistessubstanz, aber ich bin nicht Charlie.“ Das klingt ein wenig nach Pegida und in derselben Ausgabe wird später festgestellt, dass die politische Ratlosigkeit angesichts der „sakral aufgeladenen Radikalität“ eines „expansiv islamisierenden Islam“, der wahnhaft Mörder zu religiösen Märtyrern stilisiert, „abgrundtief“ sei (Johannes Röser, CiG 3/2015, S. 32f.). Welche Übel gilt es denn bei dieser doppelten Distanzierung zu vermeiden?

Bedeutete die rasant verbreitete Parole „Je suis Charlie!“ von Thierry Puget und Joachim Roncin nicht eine massenhaft entblößte Brust mit der Aufforderung „Schieß nochmal, wenn Du kannst“, wie Peter Sloterdijk gegenüber dem SWR meinte? Roncin erklärte im Interview: „Der Anschlag ist ein Anschlag auf uns alle, auf die gesamte zivilisierte Welt. Wir alle sind Charlie Hebdo.“ Nicht nur Frankreich war im Schock, aber vor allem Frankreich und seine Journalisten. Neben einer beinahe kindgerechten sprachlichen Geste der symbolischen Identifikation, abgeschaut von einem Kinderbuch, also auch die ultimative Alternative zwischen Zivilisation und Barbarei! Soweit gehe ich mit (suis kommt von suivre=jmd. folgen), aber schon Paulus mahnte: „Seid Kinder, wenn es um Böses geht; im Verstehen aber seid vollkommen“ (1. Kor 14,20).

Ein großer Echoraum

Im Konzert der Identifikationen, die sich dem Modellsatz anschlossen, etwa „Je suis Ahmed“ des belgisch-libanesischen Aktivisten Dyab Abou Jahjah, klingt die Parole von Puget jedoch wie eine Distanzierung von Religion an sich, und nicht nur insbesondere von derjenigen Variante, die mörderisch geworden ist. Wie eine vierte Gewalt neben „Ich bin Jude“, „Ich bin Christ“ oder „Ich bin Muslim“. Oder wie die trotzige Identifikation mit einer humanistisch gesinnten anarchistischen Bereitschaft zur Blasphemie. Also der forcierte Aufruf zur negativen Religionsfreiheit. Lothar Müller hat am 14. Januar in der Süddeutschen Zeitung das Unbehagen am Erfolg dieses Satzes einzufangen versucht. Seine Warnung „Gnade uns Gott, wenn die Verteidigung der Pressefreiheit als Feldzug gegen jegliche Religiosität geführt wird“ bezog sich auf eine Äußerung von Oliver Maria Schmitt, dem Urheber der gerügten Titanic-Ausgabe vom Juli 2012. Diese Zuspitzung blieb nicht unkommentiert, denn der Modellsatz hat einen großen Echoraum.

Auch Margot Käßmann ahnt ihn, baut vor und meint, dass die schwerste Beleidigung Gottes selber das Kreuz sei: „Gott, gekreuzigt, leidend, am Kreuz gestorben, unter der satirisch gemeinten Unterschrift ›Jesus von Nazareth, König der Juden‹. Schlimmer kann man Gott nicht beleidigen.“ Sie möchte in dem Titelblatt „Alles ist vergeben“ von Charlie Hebdo nach dem Attentat keine neuerliche Provokation sehen, keine Anmaßung, sondern eine Geste der Freiheit. Der neue Chefredakteur, Gérard Biard, hingegen kritisiert westliche Medien, die jene Karikatur nicht abbilden wollten mit dem Hinweis: „Es ist ein Symbol, ein Symbol für die Meinungsfreiheit, die Religionsfreiheit, für Demokratie und Säkularismus. (…) Es ist dieses Symbol, dessen Veröffentlichung sie verweigern“ (Spiegel-Online).

Wer hat recht? Und wie fies darf Satire sein? Wie empfindsam soll Satire sein? War Kurt Tucholsky nicht der Meinung, Satire dürfe alles? Ja, das hat er gesagt! Er hat freilich noch mehr gesagt. Etwa: „Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist“ oder „Die Satire muss übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird. Und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten.“

Der Echoraum ist noch viel größer als gedacht

Auch Jesaja und Jeremia spotteten über Götzendiener und Götzendienst: „Die Meister sind auch nur Menschen … die eine Hälfte verbrennt er im Feuer … die andere Hälfte macht er zum Gott … wer Asche hütet, den hat sein Herz getäuscht und betört“ (Jes 44). „Denn ihre Götter sind alle nichts … Sie sind ja nichts als Vogelscheuchen im Gurkenfeld. Sie können nicht reden, auch muss man sie tragen, denn sie können nicht gehen. Darum sollt ihr euch nicht vor ihnen fürchten; denn sie können weder helfen noch Schaden tun“ (Jer 10).

Hilft uns jedoch die Vergegenwärtigung von Elijah weiter? War er wirklich ein Dschihadist avant la lettre, der auf „die wohl schrecklichste, barbarischste Geschichte der ›Heiligen‹ Schrift“ verweist? Jakobus schrieb: „Elijah war ein schwacher Mensch wie wir; und er betete ein Gebet, dass es nicht regnen sollte, und es regnete nicht auf Erden drei Jahre und sechs Monate. Und er betete abermals, und der Himmel gab den Regen, und die Erde brachte ihre Frucht.“ (Jak 5,17-18) Röser, der reichlich distanziert vom „sogenannten“ Gottesurteil auf dem Karmel wie von einem Atavismus spricht, erkennt in diesem Narrativ nur ein Stadium auf dem Weg zur Universalisierung des Christentums, als der einzigen „echten Weltreligion“, die in einem aufklärerischen Horizont angekommen sei. Das Ziel wäre „ein universaler Gott aller und von allem.“ Keinerlei Probleme dabei? Nun ja, auch das Christentum sei „noch nicht vollständig, aber in größten Teilen angekommen“, denn die Irrwege ließen sich nicht einfach abspalten. Aber zunächst einmal sei der Islam zu beobachten, ob er die Residuen der Stammesreligion zu überwinden vermag, d.h. vor allem, ob er herausfinden könne aus der „selbstverschuldeten Sackgasse des Dschihad“.

Ach ja, die Attribuierung ›selbstverschuldet‹ hatten wir schon mal, nur klingt sie jetzt so saturiert und distanziert. Hat nicht Immanuel Kant damals, als er die politische Dimension der Ursachen für religiöse Unmündigkeit geißeln wollte, ganz kalkuliert und drastisch von ›Hausvieh‹ gesprochen? Und muss ein Historiker darum nicht weiter fragen, ob neben der Vorlage von grober Exegese hier nicht auch eine Menge Krokodilstränen vergossen werden? Die römisch-katholische Kirche hatte es doch viel früher bereits einmal in Hand, mit dem Islam Frieden zu schließen. “Die römische und am Ende des 15. Jh.s dann die spanische Inquisition wirkten als religiöse Behörden im Dienst der Staaten für die religiöse Vereinheitlichung und die Abschaffung aller Sonderwege. Weder weltliche Obrigkeiten noch kirchliche Hierarchie entgingen ihrer bedrückenden Tätigkeit. Juden und Muslime, vor allem nach ihrer Zwangsbekehrung zum Christentum, wurden die Lieblingsopfer der Inquisition, die durch sie enorme, vor allem auch materielle Vorteile gewann.” (Mikel de Epalza, Jesus zwische­­n Juden, Christen und Muslimen, Frankfurt a.M.: Lembeck 2002, 233f.) Der Islam war allerdings angetreten mit dem Anspruch, Judentum und Christentum recht zu leiten. Was ist nur aus dieser einst nicht unberechtigten Absicht geworden und wer trägt die Schuld daran?

Elijah, ein Dschihadist?

Ferner, wird nicht mit fahrlässiger Exegese ein wirkliches Verstehen zugeschüttet? Denn etwas genauer besehen, ist das Geschehen auf dem Karmel kein Äquivalent des Dschihad-Phänomens, wenn darunter jene wahnhaften Mordanschläge in Paris verstanden werden, sondern ein eschatologisches Symbol für den Kampf zwischen Licht und Finsternis, der Gottesanbetung von Götzenanbetung trennt. Freilich steht die Darstellung von Elijahs Handeln bei der Abwendung Israels vom Götzendienst in Kontinuität zur deuteronomistischen Tradition (Deut 13,6). Liegt nicht in den Augen von Röser dort bereits ein kardinaler Fehler? Aber ohne Verständnis vom Kontext der Initiative Gottes (insbesondere auch im 19. Kapitel) ist dieses Narrativ nicht angemessen zu verstehen, geschweige denn das im Text verborgenen subtile Spiel mit der Verantwortung und den Kausalitäten (vgl. Beobachtungen, S. 145-48). In seiner Fixierung auf eine zeitgenössische politische Theologie (oder bloßen Schlagzeilen) entgehen dem Autor (und damit auch dem Publikum) die wichtigen Querbezüge. Sie liegen weniger an der Oberfläche, und je nach persönlicher Empfindung gäbe es im Alten Testament sicher noch grausigere Geschichten anzuführen (etwa in Richter 20).

Jesus selbst ortet Johannes den Täufer als Erfüllung der Prophezeiung von Maleachi (Mal 3,23), freilich wiederum in einem Netz von Verweisungen (vgl. Joh 3 mit Mt 11 und 17). Der typologischen Beziehung zwischen Elijah und dem Täufer entspricht jene entscheidende zwischen Jesus und Moses. Paulus erinnert im Römerbrief (9,3) daran, dass Moses den Zorn Gottes aufzuhalten versuchte mit den Worten „Vergib ihnen doch ihre Sünde; wenn nicht, dann tilge mich aus deinem Buch, das du geschrieben hast“ (Ex 32,32). Hatte nicht derselbe Mose zuvor nach dem Willen Gottes die Leviten aufgefordert, das Schwert zu gürten und seinen Bruder, Freund und Nächsten zu erschlagen (Ex 32,27)? Nun hat auch Jesus den Zorn Gottes aufgehalten und seinen Nachfolgern versprochen wiederzukehren zum Gericht. Dieses Interim gilt es in rechter Weise zu nutzen, anstatt die bereits gelegten Fundamente wieder zu verschütten (vgl. dazu „Gott im Kommen“).

Zurück zur Gegenwart

Und Gérard Biard? Er besteht darauf: „Wir greifen eigentlich keine Religion an, nur dann, wenn sie sich in die Politik einmischt.“ Und fügt hinzu: „Wir sind keine Krieger. Wir haben niemanden getötet. Wir dürfen Denker und Künstler nicht in dieselbe Kategorie einordnen wie Mörder (…). Wir müssen damit aufhören zu erklären, dass jene, die schreiben und zeichnen, Provokateure sind, die Benzin ins Feuer gießen.“ Ja, aber so einfach ist es nicht. Selbst wenn wir aufhören, Dinge beim Namen zu nennen, haben Ideen Konsequenzen und Stéphane Charbonnier wusste darum, hat sie bewusst in Kauf genommen. Auch Karikaturisten sind Menschen, fehlbar und verletzlich wie Muslime (wenn auch weniger leicht kränkbar), weil sie den Gesetzen der mimetischen Rivalität nicht entgehen können: Alle wissen, Politik geht um Macht, wirtschaftliche und kulturelle Hegemonie, meinetwegen auch um Weltherrschaft. Immer noch um Weltherrschaft? Deshalb meine Erinnerung an Charlie, oder besser: Sir Charles Spencer Chaplin. Übrigens, er war kein Jude, aber er trat für sie ein, als viele das Ausmaß des Unrechts noch nicht wahrhaben wollten, das den Juden damals widerfahren ist.

Postscriptum

Christ in der Gegenwart hat in seiner nächsten Ausgabe nachgebessert und angesichts der einschlägigen Parolen von Pegida („Lügenpresse“) Bescheidenheit angemahnt und davor gewarnt, den Dünkel der Unfehlbarkeit zu begünstigen, denn „Wahrheit gibt es nur in Wahrheiten – und immer nur in Annäherungen“. Thomas Söding widmet sich anschließend erneut dem Thema – diesmal mit einem Grundsatzartikel, der vor allem auch die Verantwortung der Kirche angesichts der Ratlosigkeit vor religiöser Gewalt adressiert – und korrigiert die einseitige Ausrichtung des Vorgängers mit dem Bekenntnis: „Die Religionen selbst sind gefragt, ihr Verhältnis zur Gewalt zu klären. Sie stehen auf dem Prüfstand, nicht nur der Islam. Eine gründliche Untersuchung ist angesagt. […] Die These lautet: Jeder Monotheismus wolle ein Monopol, Mission sei Imperialismus, religiöse ›Wahrheit‹ sei in Wirklichkeit nur Meinung. […] Die Antwort kann nicht für alle Religionen einheitlich gegeben werden, denn Gleichmacherei ist arrogant.“

Die gegenwärtige Krise sei die Stunde der Wahrheit. Söding erklärt noch einmal, warum das Christentum keine Stammesreligion ist, sondern Weltreligion, erläutert dann aber auch ihre Schattenseite: „Die Gläubigen sind nervös […] religiöse Besserwisserei ist eine Erbkrankheit des Christentums.“ Der heilige Eifer offenbarte kirchliche Abgründe wie Ausgrenzung, Diffamierung und Verachtung. Erst nach dem Schock der Shoah habe eine Neubesinnung eingesetzt. Unser Blick müsse sich auf die Anfänge richten, „wenn die Antwort bestand haben soll“. Dem ist zuzustimmen. Denn Paulus‘ Blickwechsel war wirklich revolutionär. Er hat auf den Begriff gebracht, was Jesus tat: den umgekehrten Weg zu gehen, um Gottes Antlitz im Opfer zu zeigen. Anstatt dem Schuldbekenntnis auszuweichen und Gott und Leid möglichst weit auseinanderzuhalten, sei er in seinem Martyrium dem Hass und der Gewalt radikal, d.h. in Sinne des Gebots der Feindesliebe, begegnet.

Ja, der Friedensapostel Paulus hat Gewalt weder verherrlicht noch verleugnet. Kein Gotteskrieger, aber dennoch einer, der weiß, dass Gott seiner nicht spotten lässt (vgl. Gal 6,7). Denn es gäbe kein Heil ohne Gericht, aber ein Gericht nur um des Heils willen, sodass weder Zynismus noch der Tod triumphieren können. Schuld- und Glaubensbekenntnis gehörten daher zusammen, wie historisch-kritische Exegese und Vätertheologie. Und der „Berserker Elijah“? Er wurde selbst verfolgt, dann besänftigt und werde wiederkommen, um „es besser zu machen“. Könnte es sein, dass uns Paulus auch hier den Weg gewiesen hat, um das besser zu verstehen? Er schreibt: „Denn die Waffen unsres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern mächtig im Dienste Gottes, Festungen zu zerstören. Wir zerstören damit Gedanken und alles Hohe, das sich erhebt gegen die Erkenntnis Gottes, und nehmen gefangen alles Denken in den Gehorsam gegen Christus“ (2. Kor 10,4-5). So hat Paulus die Fundamente des Tempels verteidigt und außerdem die kultischen Opfer und das sichtbare Priestertum nach dem Zerreißen des Vorhangs aus der feierlichen Liturgie in den Alltag geholt. Nach Paulus sollen wir statt eines Tieres (oder irgendetwas anderem) in vernünftiger Weise uns selbst hingeben. All das enthält die Botschaft Elijahs.

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